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Zugfahrt durch den Kupfer Canyon - Reisebericht

Reisebericht Kupfer Canyon im Norden Mexikos

Der "Chepe" genannte Zug durchquert die wilde Schlucht des Kupfer Canyon in der Sierra Madre. (Bildquelle: www.chepe.com.mx)

Bahnreise durch die Sierra Madre

Die Barranca del Cobre

Die Zugfahrt durch die Kupferschlucht (Barranca del Cobre) ist wohl eine der attraktivsten Bahnreisen der Welt. Von der Provinzhauptstadt Chihuahua aus, im nördlichen Mexiko, fährt der Zug zuerst durch das Hochland der abgeschiedenen Sierra Tarahumara, dringt danach in die faszinierende Schluchtenlandschaft des Kupfer Canyon ein und endet schlussendlich nach 650 km, 86 Tunnels und 37 Brücken an der pazifischen Küste.

Mit Chepe auf dem Weg in die Kupferschlucht

Der Wecker piepste ungemein früh, scheinbar weit entfernt und doch so nah. Voller Tatendrang richtete ich mich sofort auf und versuchte die Augen aufzukriegen. Nach einer abenteuerlichen Reise mit dem Bus in die Provinzhauptstadt Chihuahua, sollte mich nun eine noch abenteuerlichere Bahnreise durch den Kupfer Canyon über die Sierra Madre an den pazifischen Ozean bringen.

Im Halbschlaf nahm ich mir dann ein Taxi zum Bahnhof, wo ich mir im 2. Klasse Zug auf der linken Fensterseite ein gutes Plätzchen ergattern konnte. Der Wagen füllte sich nach und nach mit weiteren schlaftrunkenen Passagieren und die Diesellok kündigte pfeifend die Abfahrt an. Gemütlich ruckelte Chepe, wie der Zug durch die Kupferschlucht liebevoll genannt wird, aus dem Häusermeer von Chihuahua, raus auf die weitläufige Hochebene und später durch die ersten Ausläufer des Gebirges der Sierra Madre. Bei jedem Halt stürmten scharenweise Verkäufer den Zug mit Esswaren und Getränken, Uhren und Schmuck, Musik-CDs und Musikinstrumenten, und versuchen theatralisch schreiend, wild gestikulierend und begabt verhandelnd ihre Ware unter die Leute zu bringen.

Irgendwoher kam immer Musik, entweder trällerte es lautstark aus einem Abspielgerät oder ein Mitreisender spielte zum grossen Vergnügen der meisten Bahnfahrer mit einer Gitarre allerseits bekannte mexikanische Lieder. Überhaupt herrschte im Wagen ein reges Hin und Her, die Leute wechselten die ganze Zeit die Plätze, um sich neue Gesprächspartner zu suchen oder irrten sonst aus irgendwelchen Gründen durch den Mittelgang. Es wurde auch scheinbar dauernd gegessen, es roch immer irgendwie nach frisch zubereiteten Tacos oder Tamales. Und doch blieb der Zug jederzeit einigermassen sauber, dem offenen Fenster sei dank.

Während ich interessiert aus dem Fenster schauend das Vorbeiziehen der Landschaft genoss, machten viele einheimische Passagiere ein Nickerchen und es schien ihnen ziemlich egal, dass die Strecke im Kupfer Canyon zu den weltweit bekanntesten Zugfahrten gehört.

Outdoors in Creel

Creel in der Barranca del Cobre

Nach einer siebenstündigen Fahrt mit der in Mexiko obligatorischen Verspätung, erreichte ich mein Tagesziel Creel, ein unscheinbares Dörfchen, etwa auf halbem Weg durch die Schlucht. Creel ist jedenfalls einen Zwischenstopp wert, die Gegend hat einige lohnenswerte Ausflugsziele zu bieten. Kaum war ich aus dem Wagon geklettert, belagerte mich sofort eine ganze Schar Kinder. Ich wurde andauernd am Ärmel gezupft und unter geschicktem Einsatz der weit aufgerissenen, hoffnungsvoll flehenden Kinderaugen, wollten sie mich zu einer bestimmten Unterkunft lotsen, um somit ein kleines Taschengeld zu verdienen. Obwohl ich dank dem Lonely Planet Reiseführer schon wusste wo ich meine Unterkunft beziehen würde, liess ich mich von Julietta und ihrem kleinen Bruder Salvador dorthin führen.

Sierra Tarahumara

Die Zeit am späten Nachmittag reichte noch aus für eine erste Wanderung etwas abseits zu einer alten Missionskirche mitten im Tarahumara Land. Die Tarahumaras sind ein sehr zurückgezogen lebendes Volk mit ihrer eigenen Sprache und Traditionen. Sie hausen in sehr bescheidenen Hütten oder teils sogar noch in Höhlen. Sie sind bekannt für ihre beachtliche Ausdauerfähigkeit, unter anderem wegen der Teilnahme ihrer besten Läufer an einem Marathon an den Olympischen Spielen. Sie weigerten sich damals zwar mit den von einem spezialisierten Sportartikelhersteller gesponserten Laufschuhen zu rennen, erzielten trotzdem auch barfuss beachtliche Zeiten!

In den nächsten drei Tagen unternahm ich weitere Ausflüge tiefer in die Sierra Madre und Sierra Tarahumara hinein, erkundete die Gegend mit dem Pferd, auf dem Mountain Bike und wanderte zu Fuss zu Wasserfällen und heissen Quellen.

Ins Herz der Kupferschlucht

Kupfer Canyon bei Divisadero

Für die Wartezeit bis zur Weiterfahrt mit dem 2. Klasse Zug, ist ein gutes Buch Pflicht, weiss man doch nie so genau wann der Chepe eintreffen wird. Als er dann endlich angekrochen kam, erwies er sich als völlig überbevölkert. Etwas Linderung boten die vielen aussteigenden Passagiere. Im Zug hatte ich das Glück auf die liebenswerte Familie von Jaime Altamirano zu treffen. Die schickten ihren Grossvater kurzerhand in einen anderen Wagon, wo er angeblich alte Sportskollegen kenne und nahmen ihre Tochter Maria-Luz auf die Knie, damit ich am Fenster Platz nehmen konnte. Während der Zug anrollte, wurde das Kartenspiel wieder aufgenommen, wobei ich versuchte den Grossvater so gut wie es ging zu vertreten. So richtig konzentriert war ich aber nie, ein Auge war konstant auf die einmalige Berg- und Schluchtenlandschaft der Barranca del Cobre gerichtet.

In Divisadero, einem Bahnhof ohne Ortschaft, unterbrach der Chepe kurz seine Fahrt, um allen mit einem Fotoapparat bewaffneten Reisenden das ruckelfreie Abknipsen der Barranca del Cobre zu ermöglichen. Die meisten Mexikaner waren aber eher an den Imbissständen interessiert.

Bahnhof Bahuichivo

Bahnreise im Norden Mexikos

Als die Schlucht sich fast selber nicht mehr an Attraktivität übertreffen konnte, traf ich spontan die Entscheidung beim nächsten Bahnhof auszusteigen. Ich verabschiedete mich ganz herzlich von Jaime und seiner Familie und kletterte mit nur einer handvoll anderer Leute aus dem Zug. Eine kleine Holzbude mit dem fast nicht mehr leserlichen Lettern "Bahuichivo", simulierte einen Bahnhof. Ein älterer Herr mit übergrossem Sombrero wie es mexikanischer nicht sein könnte, winkte mich zu sich und seinem mit laufenden Motor dastehenden Pick-up und anerbot mich zu einer Posada, einem Familienhotel in die Ortschaft zu fahren.

Warten, warten, warten

Doch eigentlich wollte ich noch tiefer in den Kupfer Canyon gelangen oder besser gesagt in die Barranca de Urique, eine Seitenschlucht. Anselmo, mein freundlicher Fahrer von gestern, hatte mir gezeigt wo der Bus vorbeifahren würde. Als ich mich nach der Abfahrtszeit erkundete, meinte er: "Manchmal kommt er, manchmal auch nicht." Alles klar, jedenfalls bezog ich meines Erachtens pünktlich an der angewiesenen Kreuzung Position und wartete und wartete und wartete. Alsbald hatte ich alle grösseren Steine von der Kreuzung weggekickt, die Dornen der Kakteen gezählt und hatte auch keine Lust mehr zum Lesen.

Von einem Bus immer noch weit und breit keine Spur. Die sehr wenigen vorbeifahrenden Autos konnte mich auch nicht mitnehmen, da sie nur in die umliegenden Ranchos fuhren. Der knurrende Magen schien zu bestätigten, dass seit dem Frühstück auch schon einige Stunden vergangen waren. Ich weiss nicht, ob das Knurren bis zum nachbarlichen Haus gedrungen war, jedenfalls offerierte mir die dort wohnhafte Familie Tortillas mit Bohnen zum Essen, was ich gerne annahm.

In der Barranca Urique

Gebirge und Schluchten in der Sierra Madre

Endlich tauchte ein mit Holzbänken auf der Ladefläche ausgebauter Pick-up auf und war gegen ein entsprechendes Entgelt bereit, die Fahrt runter in die Schlucht zu unternehmen. Die Neuigkeit von einem Transportmittel verbreitete sich in Windeseile und von überall her tauchten plötzlich weitere Reisende auf der Strassenkreuzung auf.

Nicht wirklich gemütlich zusammengepfercht holperten wir dann endlich los. Auf einer halsbrecherischen Fahrt wand sich das Auto etwa 1000 m in die Urique Schlucht runter. Je tiefer wir kamen, desto unerträglicher heiss wurde es. Die ganze Sonneneinstrahlung wurde tagsüber in den enormen Felswänden gespeichert und heizte nun erbarmungslos ein. Ich kam mir vor wie ein Hühnchen im Backofen. Als Zugabe setzte sich der aufgewirbelte Staub an den triefenden Gestalten fest und der Hintern wurde wund geholpert. Nach einer nicht enden wollenden Fahrt, kam das Gefährt schlussendlich mit einem letzten grossen Ruck zu stehen, zuunterst in der Schlucht, am Rande des Dörfchens Urique.

Ich nutzte ein kleines, einfaches Hotel in den nächsten Tagen als Base Camp für Erkundungstouren durch die faszinierende Schluchtenlandschaft. Obwohl die Bahnfahrt durch die Kupferschlucht zweifellos ein tolles Abenteuer ist, hatte ich erst hier unten das Gefühl die Schlucht so richtig zu spüren und zu erleben.

Chepes Endspurt

Wieder zurück an der Bahnlinie, am Bahnhof von Bahuichivo, stieg ich erneut in den Chepe und setzte die Reise an die Westküste von Mexiko fort. Die Fahrt blieb unvermindert attraktiv, die Strecke duch den Kupfer Canyon ist wirklich eine Meisterleistung der Ingenieurskunst. 86 Tunnels und 37 Brücken mussten konstruiert werden, um die Berglandschaft und das riesige Schluchten System zu durchqueren. Nur schon am heutigen letzten Tag der Reise musste der Zug 1800 Höhenmeter meistern bis wir bei der Endstation von Los Mochis, im Bundesstaat Sinaloa, die Endstation erreichten.

Reisebericht-Autor: Sven Kramer