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Cartoneros - die Abfallsammler von Mexiko-Stadt

Cartonero - Abfallsammer in Mexiko-Stadt

Auf einem Markt gibt es immer viel zu tun für Cartoneros, die Abfallsammler von Mexiko-Stadt.

Schattenwirtschaft und ein Leben am Rande der Gesellschaft

Leben und Überleben in Mexikos Hauptstadt

Magdalena Mejia saugt genussvoll, schon fast gierig an einem Zigarettenstummel, den sie soeben von der Strassse aufgehoben hat. Sie sitzt zusammen mit Juan Valenzuela auf ihrem Arbeitsutensil, einer Schubkarre voller Karton und Taschen. Magdalena und Juan sind Cartoneros, Karton- und Abfallsammler in der mexikanischen Hauptstadt Mexico City. Was Leute mit gehobener Ausbildung als Recycling bezeichnen, ist schlicht und einfach ihr tägliches Business, ohne das Wort je ausgesprochen zu haben. Tausende Cartoneros ziehen durch Mexikos Strassen und versuchen ihren Lebensunterhalt mit dem zu verdienen, was andere wegwerfen. Sie habe ihr Business schon lange diversifiziert, erläutert Magdalena, sinngemäss, nicht mit dieser Wortwahl. Alu Dosen sind momentan ertragreich, doch das kann kurzfristig ändern. Zwischenhändler schütten einige Pesos aus pro Kilogramm Karton, für Zeitungspaper etwas weniger. Die Industrie kauft den Händlern ganze Lastwagenladungen ab. Dort sei das grosse Geld, ergänzt Juan wehmütig.

Die beiden schieben ihr Vehikel der Strasse entlang. Magdalena knotet am Bordsteinrand einen Müllsacke auf. Routiniert wühlt sie dessen Inhalt durch und sortiert einige Gegenstände heraus, um sie bei sich in einer der Nylonsäcke zu verstauen. Schon gräbt sie im nächsten Sack und findet sogar zwei der begehrten Alu Dosen einer mexikanischen Biermarke. "Das erste Mal ist schlimm", sagt sie. "Aber irgendwann verlierst du die Scham und kämpfst ums Überleben." Ein Leben am Rande der mexikanischen Gesellschaft. Verachtet und ausgenutzt.

Schattenwirtschaft in Mexiko-Stadt

Juan zeigt uns einen Fetzen Papier, eine Eintrittskarte für ein Fussballspiel des lokalen Universitätsteams, der Pumas. Sie ist abgelaufen, das Spiel hatte vor mehreren Wochen stattgefunden. Ein Spiel zu sehen ist sein grosser Traum. Juan weiss, dass er wohl unerfüllt bleiben wird. Immerhin muss er mit seinem Einkommen als Recycler und mit Gelegenheitsjobs als Putzkraft in einer Primarschule, für seine Frau und 3 Kinder aufkommen. Er ist auf die Schattenwirtschaft angewiesen. Mit dem Gehalt seiner Frau als Ticketverkäuferin in der städtischen Metro, reicht es knapp fürs Notwendigste. Ganz anders haben sie sich das vorgestellt, also die Familie Valenzuela aus dem ländlichen Morelos in die grosse Metropole gezogen ist. Wie viele Tausende Schicksalsgenossen landeten Juan und seine Frau Patty mit dem damals 2-jährigen Sohn Rodolfo erstmals in einem schäbigen Bau aus Backstein und Blechdach in einem Elendsviertel. Landflucht ist ein Dauerthema in der mexikanischen Republik.

Die Zweckgemeinschaft von Magdalena und Juan ist im Quartier "Roma" unterwegs. Zusammengefunden haben sie unter denkbar ungünstigen Voraussetzungen, als sie sich um die Betreuung eines Restaurants stritten, wo beide den Müll entsorgen wollten. Schlussendlich hatte der Restaurantbesitzer sie zur Vernunft gebracht. "Heute zähle ich Juan zu meinem engsten Freundeskreis. Viele meinen sogar wir seien ein Paar," lächelt die Mexikanerin und lässt eine Zahnlücke erkennen. Die Gegend sei gut durchmischt, ein gutes Revier, mit einigen grossen Gebäuden, in denen reichlich Müll anfällt. Dazu einige Geschäfte wie Garagen, Blumenhändler und Restaurants, sowie einen kleinen Markt, wo man froh um ihren Support seien. Nervös machen sie nur gewisse Autofahrer, welche in den engen Strassen ungeduldig mit gewagten Manövern überholen. Einmal sei er gestreift worden, erzählt uns Juan Valenzuela. Er sei mit der Hüfte unglücklich auf den harten Asphalt geprallt. Zwei Wochen lang musste Juan pausieren und generierte kein Einkommen, ein tragischer und verhängnisvoller Vorfall für die ganze Familie.

Im Verlauf des Nachmittags hatte sich eine stattliche Menge Kartons angesammelt. Das einte Ingenieurbüro wurde mit neuen PCs ausgerüstet, die grossen Schachteln waren fette Beute für die beiden. Einer der Abfallsäcke war voller Coca Cola Dosen, vielleicht nach einer Kinderparty? Letzte Woche fanden sie sogar eine uralte Schreibmaschine, welche auf dem Trödlermarkt noch 130 Pesos einbrachte, also um die 7 Euro, eine stattliche Summe.

Gegen 19 Uhr trennen sich Magdalena und Juan. Während Magdalena Mejia sich auf den langen Heimweg in die östliche Peripherie von Mexiko-Stadt macht, stösst Juan seinen Recycling-Sammlerwagen noch in die hinterste Ecke eines bewachten Parkplatzes und drückt dem jugendlichen Aufseher 2 Pesos in die Hand. Auch in der Zwischenwelt ist nichts gratis, Business ist Business. Erst nächsten Donnerstag nimmt der Zwischenhändler wieder Waren entgegen, dann gibt es Zahltag für die beiden!